Monatsimpuls Juni 2018
Unsere Erfolge können unserer Seele viel gefährlicher werden als unsere Misserfolge.

Hermann Gentsch

Liebe Leserinnen und Leser,
wahrscheinlich haben Sie beim ersten Lesen erst einmal gestockt. Wie kann Erfolg unserer Seele gefährlich werden? Tun uns Misserfolge nicht viel mehr weh in der Seele? Schaden sie uns nicht mehr?
Im Judo habe ich gelernt: aus deinen Niederlagen lernst du mehr als aus deinen Siegen. Das geht in eine ähnliche Richtung. Was ist die Weisheit hinter diesen Worten?
Erfolge verleihen mir Flügel, lassen mich wachsen und ich fühle mich stark, klug, auf dem richtigen Weg. Erfolge sagen mir: „Hey, du hast den Dreh raus, weißt, wie es geht, bist ein schlaues Kerlchen.
Warum tun sich andere so schwer damit, wo es doch eigentlich ganz einfach ist. Ihr müsst es nur so machen wie…“ Und schon sind wir im Höhenflug.
Du hast einen kniffligen Fall gelöst. Toll! Du bist einem schlauen Ganoven auf die Schliche gekommen: Ich ziehe den Hut vor dir! Du hast die meisten Handy-Benutzer-während-der-Fahrt dieses Jahr geschnappt, sagt dir die Statistik. Alle Achtung!
Manch eine/r geht von Erfolg zu Erfolg und verliert dabei den Kontakt zu seinen wahren Fähigkeiten und seinen Lücken im Gefieder.
Hochmut kommt vor dem Fall. Wer fliegt, landet manchmal unsanft in der rauen Wirklichkeit auf dem Bauch. Und findet sich dann womöglich wieder auf Augenhöhe mit denen, auf die er vorher (ein wenig) herabgeschaut hat. Oder erfährt zum ersten Mal, wie es ist, wenn andere auf mich herabschauen: Das geschieht dir recht!
Verstehen Sie mich recht: Erfolge sind gut und schön. Sie sind eine wunderbare Zugabe zum Leben. Doch sie können eine gravierende Nebenwirkung haben. Mitunter vernebeln sie die Wahrnehmung. Mal ehrlich! Was an unserem Erfolg ist selbstgemacht? Was daran ist wirklich ausschließlich auf unserem Mist gewachsen?
Wenn wir wahrhaftig sind, dann steckt in unserem Erfolg ein gutes Stück Glück, die Tagesform, der spontane Einfall, du weißt nicht woher, das Zutun von anderen oder die günstige Umstände, die Gaben, die wir mitbekommen haben von Geburt oder Biographie. Das meiste am Erfolg verdanken wir anderen und dem Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein.
Wie beim Eisberg. Da ragt auch nur die Spitze heraus und 9/10 seiner Masse befindet sich unter Wasser. Diese drückt die Spitze nach oben, sonst wäre sie unter Meeresniveau.
Der Erfolg hat viele Väter und Mütter. Die Meisten davon sind unsichtbar. Wie viel verdanke ich anderen, was sie mir gezeigt, gelehrt haben? Was habe ich mir nicht alles abgeschaut und gemerkt, auch von schlechten Beispielen.
Und der Misserfolg? Er kann uns zu Boden drücken. Er kann uns das Mitleid der anderen bescheren. Oder deren Schadenfreude. Auf beides verzichten wir gerne. Er kann uns allerdings auch in rechter Weise demütig machen und so unsere Seele vor schwerem Schaden bewahren.
Demut,-  ein veraltetes Wort ? Ich denke, es verweist auf etwas bleibend Wichtiges. Wer demütig ist, hält sich für fehlbar, schaut erst mal bei sich selber nach, bevor er die Verantwortung bei anderen sucht, ist barmherzig mit den Fehlern bei sich und anderen, aber steht auch zu ihnen und muss sie nicht vertuschen.
Wer demütig ist, denkt nicht zu hoch und nicht zu tief von sich, weiß von seiner angemessenen Stellung zwischen Himmel und Erde, bewahrt den Dank für die anderen, wenn sich Erfolg einstellt , bleibt aufrecht, wenn er Misserfolge erleidet, lebt bodenverhaftet mit aufrichtigem Blick.
Der Prophet Micha sagt es mit diesen Worten: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet: nämlich Gottes Gebote halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
So bleiben wir im Falle des Erfolgs  verbunden mit Gott und den Menschen in guter Weise.
Und unsere Seele bleibt verschont vor Gefahr.

Für Anregungen bin ich dankbar unter: gregor.bergdolt@ekiba.de



Mit freundlichen Grüßen
Gregor Bergdolt
Bereichsleitung für Polizeiseelsorge
Evangelische Landeskirche in Baden

 

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