Monatsimpuls Polizeiseelsorge Baden-Württemberg

Oktober 2018

 

Barmherziger Samariter

Der barmherzige Samariter, Glasfenster in der Spitalkirch Biberach

 

Liebe Leserinnen und Leser,

„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

( Hesekiel 36,26)

 

Wenn uns wirklich Gottes Geist leitet, hinterlässt das dann auch Spuren in unserem Leben,

auch im Alltag der Polizei?

Mich berührt, was ein Hauptkommissar aus seinem Streifendienst berichtet:

 

"Du siehst ihn auf der Bank liegen.

Er hat sie vollgekotzt.

Du merkst, dass er dich nicht richtig wahrnehmen kann.

Er stöhnt und beschimpft dich "Du Bullensau".

Du nimmst ihn hoch, weil es zu kalt ist; denkst, er erfriert.

Er nennt dich einen "Drecksack" und "Schweinehund".

Du passt auf, dass er sich den Kopf nicht anschlägt.

Die Kollegin fährt ganz vorsichtig.

Du hast ihn angeschnallt, damit er nicht von der Sitzbank rutscht.

Du stützt ihn, damit er nicht fällt.  Er tritt, schlägt und spuckt nach dir.

Zweimal "Bullenschwein", einmal "Bullensack".

Mittlerweile riecht er nach Urin. Seine Hose wechselt die Farbe.

Du hilfst ihm, damit er sich beim Hinlegen in der Ausnüchterungszelle nicht verletzt.

Seine Frau schreit am Telefon: "Behaltet das Schwein".

Du notierst alles, was er dabei hat, damit nichts verloren geht.

Er schläft. Du schaust alle Stunde nach ihm. Er schnarcht.

Er geht am nächsten Morgen heim. Du erhältst keinen Dank.

Du musst drei Tage später zum Chef. Wegen ihm.

Er hat sich über dich beschwert, seine Jacke sei schmutzig geworden.

Du gehst nach Hause und deine Söhne freuen sich auf dich.

Die Kleinen sind stolz – ihr Vater ist Polizist.“

 

Kann man das wirklich, ohne ein Magengeschwür zu bekommen, -

ein schwer erträgliches Gegenüber ruhig und gelassen behandeln,

seine Menschenwürde achten, obwohl er das im Moment wirklich nicht zu verdienen schein?

Mit unseren eigenen seelischen Ressourcen sind wir da meist schneller am Ende, als es uns recht ist.

Da braucht es schon eine innere Ausrüstung, ein Herz und einen Geist, die sich speisen aus der Liebe,

deren Atem länger ist als der des Hasses. 

„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Ich wünsch uns, dass wir Gottes Geschenk auch in unserem Alltag täglich neu in uns und um uns erleben.

Besonders in Ihrem anspruchsvollen Dienst in unserer Polizei.

 

 

Ulrich Enders

Pfarramt für Polizei und Notfallseelsorge, Wilhelmstr. 8, 70372 Stuttgart

Ulrich.Enders@polizeiseelsorge.org