Dezember 2018

 

‚Du gewöhnst dich an alles.‘

                                                      Der Volksmund

 

Liebe Leserin, liebe Leser,

wahrscheinlich haben Sie diesen Spruch schon öfters gehört: Du gewöhnst dich an alles: an Beleidigungen im Dienst, an misshandelte Frauen, an rücksichtslose Radfahrer und Motorisierte,

an verwahrloste Kinder und Jugendliche, an grausame Bilder nach einem Verkehrsunfall, an den bewaffneten Dienst am Eingang zum Weihnachtsmarkt, an den Anblick von Menschen, die seit längerem tot in ihrer Wohnung liegen, an die Abschiebungen nachts von ganzen Familien und den Kinderaugen, die dich fragend und verstört anblicken…

Du gewöhnst dich an alles: Gutgemeint ist manchmal das Gegenteil von gut.

Die Gewöhnung ist ein zwiespältiges Phänomen. Einerseits: wenn ich mich über alles aufrege, dann geht das über meine Kraft. Andererseits: wenn mir nichts mehr an die Nieren geht, dann bin ich innerlich fast schon tot.

Wie aber kann ich seelisch standhalten? Wie kann ich berührbar bleiben bei all dem, was mir in der Seele zu schaffen macht? Was setze ich den schrecklichen Bildern entgegen, die sich mir einprägen im Dienst? Was hält mich empfindsam und offen?

Die Welt ist anders gemeint. Sie ist nicht so, wie sie sein sollte. Widerstand ist nötig, wo Menschen anderen wehtun, wo Unrecht geschieht, wo Menschen unbemerkt sterben……..

So soll es nicht sein. So ist es aber immer wieder.

Wolf und Lamm werden einträchtig weiden und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Nirgendwo auf meinem heiligen Berg wird man Böses tun oder Zerstörendes, spricht Gott.

Die Worte sind zweieinhalb Jahrtausende alt. Sie stammen aus dem Propheten Jesaja im 65. Kapitel. Sie haben sich tief eingeprägt in das Gedächtnis des Judentums und Christentums.

Worte der Sehnsucht, des Widerstandes gegen das Töten in der Natur und unter den Menschen, Gegenbilder entstehen zu unserer Weltsicht. So soll es sein: Leben geschieht nicht mehr auf Kosten von anderem Leben. Der Wolf lebt friedlich neben dem Lamm. Keiner muss mehr töten, um zu überleben. Wir müssen nicht mehr länger zerstören, anderen Böses tun. Es ist Friede zwischen Menschen und Menschen, Menschen und Tieren, Tieren und Tieren. So soll die Welt in Gottes Willen. So ist sie jetzt noch nicht.

Manchmal brauche ich es, dass ich Blicke in eine andere Welt werfe. Es könnte alles auch anders sein. Schön wäre es! Es wäre so schön.

Woran du glaubst, das prägt dich, deine Hoffnung, deine Gedanken, deine Worte, dein Tun.

Ich weiß um eine Alternative zur jetzigen Welt. Ich vertraue darauf: es wird eine andere Welt kommen. Ich bin nicht so fest verbacken mit den Schrecken der Gegenwart. Ich erhoffe mir von der Zukunft andere Beziehungen unter allen Geschöpfen Gottes, zwischen arm und reich, mächtig und machtlos, es kann besser werden, liebevoller, gerechter, solidarischer hier bei uns, und zwischen uns und allen Menschen der Erde.

So wird es kommen durch Gottes Macht, glauben wir Christen und Juden und Muslime. Mit unserem Zutun, gegen und ohne unser Zutun. Denn so ist es Gottes Wille. Noch ist es nicht so weit. Ja, das stimmt. Und doch:

Jedesmal, wenn Menschen Hilfe zuteil, Not gelindert wird, Opfer umsorgt werden, Tätern Gerechtigkeit widerfährt, handeln wir in Übereinstimmung mit der kommenden Welt Gottes.

Ist es leichter zu leben in der Haltung: Man gewöhnt sich an alles? Vielleicht. Es tut nicht mehr so weh, das Böse und Zerstörerische zu sehen, das geschieht.

Doch die Nebenwirkungen sind heftig. Diese Haltung geht ein in unsere Gedanken, Gefühle, Taten und Worte und schaffen mit daran, dass wir uns anpassen an eine manchmal trostlose Wirklichkeit.

Wer glaubt an Gottes kommende Welt, sieht diese Welt nicht rosiger, aber er und sie sehen diese Welt in einem anderen Licht. Aus dem Blickwinkel Gottes. Das Beste kommt erst noch.

Und es beginnt mit einem Kind, das geboren wird im Stall in einer Gegend ganz weit draußen. Seine Eltern müssen fliehen vor einem skrupellosen Herrscher…….

Sie kennen die Geschichte wahrscheinlich. Dieser Mensch, Jesus aus Nazareth, ist durchdrungen von der Hoffnung Jesajas. Er wird angefeindet. Er lebt und stirbt und aufersteht in der Kraft der Liebe Gottes. Sie ist in dieser Welt. Sie bleibt in dieser Welt. Sie verwandelt diese Welt. Mit jedem Menschen, der sich dieser Kraft öffnet, wirkt sie fort.

Ich wünsche Ihnen und allen, die zu Ihnen gehören, im Advent und an Weihnachten:

Lassen Sie sich berühren von den Liedern und Geschichten und der Kraft, die in Ihnen steckt.

Was braucht unsere Welt nötiger als von Gottes Geist geprägte Menschen!

 

Gregor Bergdolt, Evangelische Landeskirche in Baden (gregor.bergdolt@ekiba.de)

 

 

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