Monatsimpuls der Polizeiseelsorge Baden-Württemberg

September 2018

Gelassen weitergehen und das Leben genießen

 

Esel 1


"Eines Tages fiel einem Bauern der Esel in einen tiefen Brunnen. Das Tier schrie fürchterlich, aber so sehr der Bauer und seine Nachbarn es auch versuchten, es gelang ihnen nicht, das Tier aus dem tiefen Schacht herauszuziehen. Schließlich beschloss der Bauer schweren Herzens, den Esel sterben zu lassen.
Weil der Esel alt war und der Schacht sowieso zugeschüttet werden sollte, schaufelten die Männer Abfälle und Erde in den Brunnen, um den alten Esel gleich im Schacht zu begraben.
Als der Esel ahnte, was mit ihm geschehen sollte, schrie er noch lauter als zuvor. Erst nach einiger Zeit wurde es endlich still im Brunnenschacht. Die Männer schaufelten still weiter, bis der Bauer es wagte, in das zukünftige Grab des armen Esels hinabzusehen.
Er staunte nicht schlecht, denn der Esel hatte etwas Erstaunliches getan. Jede Schaufel voll Dreck, die auf seinem Fell landete, hatte er abgeschüttelt, festgetrampelt und war auf diese Weise langsam immer höher gekommen. Als die Männer weiterschaufelten, war der Boden im Brunnen nach kurzer Zeit hoch genug, dass der Esel mit eigener Kraft aus dem Loch heraussteigen und davontrotten konnte."

Esel 2
Text und Zeichnungen: Werner Tiki Küstenmacher

Mit Dreck beworfen werden – im übertragenen Sinn kennen Sie das, in der einen oder anderen Dosierung, sicher aus Ihrem beruflichen Alltag: verbaler „Dreck“ in Form von Respektlosigkeiten und Beleidigungen. Verbaler „Dreck“ vielleicht auch vom Anwalt eines Beschuldigten gegen Sie im Zeugenstand, strategisch geworfen, um zu vernebeln und abzulenken. Oder Sie kommen in einem Verfahren in die Rolle eines Beschuldigten, obwohl Ihre Unschuld schon zu Beginn unübersehbar zutage liegt.
Weil es ja auch in Ihrer Organisation „menschelt“, haben Sie vielleicht auch schon die Erfahrung hinter sich, von einem Kollegen oder einem Vorgesetzten nicht wirklich fair behandelt worden zu sein. Auch die innere Logik des Beurteilungssystems führt manchmal systembedingt zu Ungerechtigkeiten, die nicht direkt vermittelbar sind und die sich dann für Einzelne kurzfristig ähnlich wie Dreck auf dem Rücken anfühlen können.

Mit Dreck beworfen werden: Im 1.Buch der Bibel, in der Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, wird diese Erfahrung – hier allerdings in real existenzbedrohenden Situationen – beleuchtet. Joseph wird zunächst Opfer seiner Brüder, die nicht damit klarkommen, dass der Jüngere „an ihnen vorbeizieht“ und vom Vater mit Rang und Status ungerecht bevorzugt wird. In einem unbeobachteten Moment werfen sie ihn in einen tiefen Brunnenschacht, zunächst mit dem Vorsatz, ihn umzubringen, dann, um ihn an eine vorbeiziehende Karawane als Sklave nach Ägypten zu verkaufen. Dort wird Joseph Opfer einer Verleumdung - Falschbeschuldigung als Vergewaltiger - und verbringt als Unschuldiger noch zwei weitere zusätzliche Jahre in Haft, weil er dort zum dritten Mal Opfer eines ungerechten Mitmenschen wird.

Joseph aber ist leuchtendes Vorbild dieser hohen Kunst des Dreck-Abschüttelns:
Anstatt in einer seiner drei Opferrollen zu erstarren oder zu verbittern, nutzt er jedes Mal alles, was in seiner Macht steht, um den Dreck abzuschütteln, und aus den jeweiligen Löchern wieder ans Tageslicht emporzusteigen.
Und er behält ein offenes Herz für den Segen, die helle Kraft Gottes, die ihm auch an den Tiefpunkten seines Lebens nahe ist, die ihn durchströmt, und die ihn stark macht für den nächsten Schritt auf seinem ganz eigenen Weg.
Am Ende seines Weges und im Rückblick kann er schließlich seinen Brüdern sogar vergeben. „Ihr habt Böses gegen mich im Sinn gehabt. Gott aber hatte Gutes im Sinn“ (1.Buch Mose, 50, 30).

 

Bei Bedarf Dreck abschütteln. Den eigenen Weg gelassen weitergehen. Und das eigene Leben jeden Tag neu genießen: In der Gestalt des Joseph wird uns ein helles, kraftvolles Vorbild vor Augen gestellt.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ganz gelassene, kraftvolle und glückliche Tage!

Ihr

 

Albrecht Sautter
Evang. Pfarramt für Polizei und Notfallseelsorge, Wilhelmstraße 8, 70372 Stuttgart, albrecht.sautter@polizeiseelsorge-elkwue.de

 

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