Impuls Oktober 2019

Überströmen, nicht ausströmen!

Immer wieder einmal darf ich Dienstgruppen der Reviere bei ihrem Streifendienst begleiten. Und jedes Mal denke ich mir danach: Enorm, was man als Polizistin, als Polizist zu geben hat! Kompetente Auskunft und Orientierung über die Rechtslage, immer im angemessenen Ton. Ein schnelles und sicheres Einfühlungsvermögen gegenüber den unterschiedlichsten Menschen jeden Alters, jeglicher Herkunft, oft zusätzlich mit schlimmen Schicksalen konfrontiert. Die Ausstrahlung von Sicherheit und Souveränität bei gleichzeitiger hoher Wachsamkeit im Blick auf Fremd- und Eigengefährdungen. Und immer wieder mal der beherzte Zugriff, der Einsatz des Pfeffers und der Handschließen. Sehr selten – gottseidank – der Griff zur Waffe, immer im Bewusstsein, dass dies nur das allerletzte Mittel sein kann. Wer Polizistin, wer Polizist ist, der kann seinen Beruf nie distanziert ausüben. Er muss mit Leib, Herz und Seele präsent sein. Man ist da wirklich ständig am Geben. Auf Dauer funktioniert das wohl nur, wenn ich mir auch der Quellen bewusst bin, die mich erfüllen. Von denen ich nehme. 

 Brunnen in einer Kirche

Der Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux (1090 -1153) machte einmal die Beobachtung, dass sein bester Freund mehr und mehr von Stress-Symptomen gezeichnet war. Er nahm ihn beiseite und ließ ihn den Schalenbrunnen im Geviert des Kreuzgangs eine ganze Weile lang betrachten. Dann entließ er ihn mit den Worten: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, die erst wartet, bis sie gefüllt ist, und dann weitergibt. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen, und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.“

Ich möchte Sie, liebe Leserinnen und Leser in der Polizei unseres Landes, dazu einladen, sich das Bild des Schalenbrunnens als eines Ihrer inneren Bilder anzueignen. Und es immer wieder mal vor Ihr inneres Auge zu stellen, mit der Frage: Wer oder was füllt derzeit meine “Schale” auf? Ist mein „Wasserstand“ so, dass ich überströmen kann, ohne auszuströmen? Und falls nicht: Was könnte ich heute tun oder lassen, um wieder erfüllt zu sein? Wichtige Fragen, nicht nur im Polizeiberuf. Aber ich finde, da ganz besonders.Geben Sie auf sich acht!


Ihr Ulrich Enders, Polizeipfarrer

Enders.Polizeiseelsorge@elkw.de

 

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