Monatsimpuls April 2024

 

„RICHTET  NICHT !“

Mit zwei Worten sagt Jesus etwas, woran man sich sein Leben lang abarbeiten kann. Wir leben in einer Gesellschaft, die unablässig wertet und bewertet. Wer bei der Polizei arbeitet, hat es zusätzlich mit dem Dauer-Thema „Wie werde ich beruflich bewertet?“ zu tun, muss Menschen, Situationen und Tatbestände zum Teil in Sekundenschnelle bewerten, muss mit Bewertungen leben, welche er möglicherweise so nicht nachvollziehen kann. Da scheint Jesus mit „Richtet nicht“ ziemlich daneben zu liegen. Dieser Schein trügt. Jesus trifft ins Schwarze.

Realschule einer nordbadischen Kleinstadt: Ein Schüler nimmt sich auf der Schultoilette das Leben. Die Bestürzung ist gewaltig, Risse tun sich auf, Abgründe: „Den haben sie gemobbt !!“ Die zehnte Klasse, welche ich am Tag nach dem Suizid besuche, scheint sich da einig zu sein. Mobbing habe den Jungen in den Tod getrieben, das sei klar. Ich gebe zu bedenken, dass kein Mensch die Gedanken eines anderen Menschen vollkommen kenne, man deshalb immer für möglich halten müsse, der Andere könne auch andere Gründe gehabt haben. Die Jugendlichen nicken höflich, doch ihre Zustimmung wirkt wenig überzeugend auf mich. Ihr Richtspruch,-so scheint mir -, steht fest: „Wehe den Mobbern !!“

Hat das Standgericht entschieden, wollen Strafe und Vergeltung nicht lange warten. Eine Schule, in welcher jemand in den Selbstmord gemobbt wird, gehört abgestraft. Das Telefon im Rektorat klingelt: „Bei Euch werden wir Amok laufen!“ Nun hat es bisher noch nie einen Amoklauf in einer Schule gegeben, der vorher durch einen Anruf im Sekretariat angesagt wurde, die Polizei stuft deshalb das Ganze als fake ein. Und doch muss natürlich das gesamte Revier zur Sicherheit vor Ort sein, - und das gebeutelte Kollegium muss zum Entsetzen auch noch die Angst aushalten.

Natürlich fragt sich die Lehrerschaft, was sie übersehen haben könnte, zu leichtgenommen, falsch eingeschätzt. Natürlich nehmen sie sich vor, künftig noch achtsamer zu sein. Es wird allerdings Zeit brauchen, wieder zurückzukehren zu einem zuversichtlich – entspannten Miteinander, es wird viele Gespräche brauchen und manches Gebet, um wirklich etwas Positives neu aufzubauen. Man wird viel fragen und suchen müssen. Es wird keine befriedigenden, schnellen Antworten geben. Doch einer im Städtchen weiß jetzt schon, was Sache ist: Ein selbsternannter Volkstribun verkündet lautstark in seinem Blog, wie schändlich es sei, wenn Schüler und Lehrer durch ihr gehässiges Verhalten einen armen Außenseiter zum Selbstmord veranlassten. „Pfui!“ ruft er – tief erschüttert – aus.

Wie wohl dieses „Pfui!“ in den Ohren jener Lehrerin gellen mag, mit der ich am Morgen nach dem Suizid sprach? Sie hatte die Klasse des Jungen an jenem Vormittag. Es war ein strahlend – kalter Wintermorgen, die Jugendlichen wollten das genießen, so hatten sie einen Spaziergang gemacht mit viel Gelächter und Spaß. Auch der Junge habe gelöst gewirkt, fröhlich und heiter… „Und dann das!!“ – sie weint vor Entsetzen, ungeschützt, zutiefst menschlich …

„Richtet nicht!“ (Matthäusevangelium, Kapitel 7) Muss man an Gott glauben, um das zu akzeptieren? Muss man an Jesus glauben, um das anzunehmen? Nein, niemand „muss“ glauben. Schlichteres wäre dran: Ein wenig Abstand von sich selbst, ein wenig Respekt vor unergründlichem Leid, ein wenig Bereitschaft, auch in dramatischen Situationen erst einmal abzuwarten und gut hinzuschauen.

„Richtet nicht!“ was, wenn wir es als Freispruch hörten? Als befreiende Einweisung in ein menschlicheres Zusammenleben?

 

Anselm Friederich-Schwieger

 

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