Impuls Dezember 2019


Aus einer Vereidigungsrede – nicht im Advent?!

Ein Badener und eine hübsche junge Frau sowie ein Pfälzer und eine alte Nonne sitzen in einem Zugabteil. Plötzlich fährt der Zug in einen Tunnel. Da die Beleuchtung nicht funktioniert, ist es stockdunkel. Dann hört man eine Ohrfeige und als der Zug den Tunnel wieder verlässt reibt der Pfälzer schmerzverzerrt sein Gesicht. "Genau richtig", denkt die Nonne. "Der Pfälzer hat versucht, das Mädchen zu küssen, was sie nicht wollte, und sie hat ihm eine geschmiert." "Genau richtig", denkt das hübsche Mädchen. "Der Pfälzer wollte mich im Dunkeln küssen, hat die Nonne berührt, was sie nicht wollte, und sie hat ihm eine geschmiert." "So 'ne Schweinerei", denkt der Pfälzer. "Der Badener hat versucht das Mädchen zu küssen, hat die Nonne berührt, was diese nicht wollte, und die hat dem Badener eine schmieren wollen. Das hat der Sauhund gemerkt, sich geduckt, und ich hab ich den Schlag abbekommen." Und der Badener denkt: "Im nächsten Tunnel hau' ich dem Pfälzer wieder eine runter!"

Die Bezeichnungen der Landsmannschaften sind natürlich austauschbar.

Wenn die Personen aus dem Zug aussteigen hat jeder seine Sicht der Dinge, seine Wirklichkeit. Nach meiner bescheidenen Wahrnehmung, geht es im Polizeiberuf gerade darum, immer wieder unterschiedliche Wirklichkeiten wahrzunehmen. Fünf Wirklichkeiten möchte ich Ihnen an die Hand geben:

1.Wirklichkeit: Daumen hoch:

Sie haben einen anspruchsvollen Beruf. Durch die Vereidigung wird deutlich: Sie bringen alles mit, was der Polizeiberuf braucht. Vor allem: Sie bringen sich selber mit, ihre Persönlichkeit mit. Vertrauen Sie dem, was sie sind. Sie dürfen auch und gerade bei der Polizei immer mehr zu dem/der werden der/die sie sind. Wir brauchen Originale in Uniform.

2. Wirklichkeit: Zeigefinger:

Vergessen Sie nicht, dass Sie es mit Menschen zu tun haben, die ihre Würde haben. Es ist eine der großen Herausforderungen, hinter der Wirklichkeit, die Sie jetzt im Einsatz sehen und wahrnehmen, auch die Wirklichkeit der Würde zu erkennen. Menschenwürde, die auch der Kriminelle und der stinkende Penner in sich trägt. Und dabei vergessen Sie bitteauch nie ihre eigene Würde. Die Polizeiseelsorge steht Ihnen nicht nur dabei unkompliziert zur Seite. Nicht vergessen, Sie sind nicht allein, die Polizeiseelsorge ist da, auch, damit Sie sich immer wieder Ihrer eigenen Würde vergewissern können.

3. Wirklichkeit: Mittelfinger:

Ab und zu ist es notwendig, dass Sie den Blick Ihrer eigenen Wirklichkeit zurücklassen und sich nach oben begeben und die Begegnungen mit Kolleginnen, Kollegen, mit den Menschen, mit denen Sie es zu tun haben, von oben betrachten. Wer mit Menschen zu tun hat, braucht diesen supervisorischen Blick von oben. Die ethische Reflexion macht Sie zum Polizisten, zur Polizistin und unterscheidet Sie vom bloßen Einsatzmittel. Ich wünsche Ihnen diesen Blick von Oben auf Ihre Wirklichkeit, denn der ist unerlässlich zur Psychohygiene und zur Qualitätssicherung.

4. Wirklichkeit: Ringfinger:

Am Ringfinger trug man früher den Siegelring, mit diesem wurden z.B. Verträge besiegelt. Ihre Vereidigung ist so etwas wie eine Versiegelung. Dieser Eid gilt. Sie tragen nun eine Uniform, sind Polizist. Aber die Uniform macht Sie nicht zum Polizisten. Frage: Tragen Sie „nur“ die Uniform oder sind Sie auch Polizist? Diese Frage soll Sie begleiten. Mit dem heutigen Tag gehören Sie zur „Familie der Polizei“. Das ist nicht nur eine Gefährdungsgemeinschaft, z.T. auch Lebensgemeinschaft. Diese Wirklichkeit ist ein starker Rückhalt in den unterschiedlichen Wirklichkeiten Ihres Berufs.

5. Wirklichkeit: der kleine Finger: 

Es sind die Kleinigkeiten die genauso wichtig sind. Nicht die großen Lagen, nicht die gefährlichen, belastenden Einsätze. Aufdie werden Sie vorbereitet und die Rahmenbedingungen für eine Begleitung in und nach solchen Situationen sind ja da. Es sind die Kleinigkeiten des Alltages, der Umgang mit Kolleginnen/ Kollegen, der Umgang mit dem Schreibkram, die Kommunikation mit den Bürgern, der Umgang mit Beurteilungen/Aburteilungen und der Hierarchie. Vergessen Sie diese kleinen Dinge nicht. Legen Sie da ihr Augenmerk drauf, denn sie sind wesentlich und gehören dazu, dass Sie ihren Beruf mit Hand und Fuß ausüben können.

Ihre Vereidigung liegt vielleicht schon Jahre zurück und sie leben ihren Beruf mit Hand und Fuß, können aufrecht dastehen mit Stolz und Respekt, und immer wieder den Blick auf unterschiedlichste Wirklichkeiten innerhalb der Polizei und in ihrem Dienst werfen. Welche Wirklichkeit ist Ihnen in dieser Zeit wichtig geworden? Die Adventszeit lädt uns ein, noch eine andere Wirklichkeit zu erkennen. Gott selbst wird Mensch und möchte uns in unserem Alltag begegnen, er ist in dem ohnmächtigen,schutzlosen Kind zu finden.Der Allmächtige wird ohnmächtig, dass wir in unseren Ohnmachtserfahrungen nicht alleine sein müssen. Der große Gott, wird klein, damit wir im Kleinen seine Größe finden können. Möge die Wirklichkeit von Weihnachten, die Wirklichkeit der Zukunft Gottes Ihnen immer mal wieder ein adventliches Lachen ins Gesicht zaubern:

„Humor bedeutet ... ein gewisses letztes Nicht-Ernstnehmen der Gegenwart, nicht weil sie an sich nicht ernst genugwäre, aber weil die in die Gegenwart hineinragende Zukunft Gottes noch ernster ist. Humor bedeutet eine große Einklammerung des Ernstes der Gegenwart“ Karl Barth

Seien Sie behütet und Gott befohlen!!

Ihr Gerd Haug, Polizeiseelsorger, Dozent für Berufsethik HdPol IBA Bruchsal

Gerd.Haug@Polizeiseelsorge.org

 

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