Monatsimpuls September 2020 – Polizeiseelsorge

 Abraham und Sarah

Sehr geehrte, liebe Frauen und Männer, die Sie in der Polizei des Landes Baden-Württemberg Dienst tun,

Zieh weg!

Die diesjährigen Wanderexerzitien im Montafon mit einigen Kolleginnen und Kollegenfinden vom 14.-18. September 2020 statt. Thema ist ein altes biblisches Motiv: „Zieh weg“. Ich möchte Sie gedanklich ein Stück mitnehmen auf diese Besinnungstage im Hochgebirge. Gott erwählt Abraham, reißt ihn aus seiner vertrauten Sippe heraus, aus seiner verlässlichen Umgebung, ja sogar von seinem engsten Familienkreis und schickt ihn auf eine Pilgerschaft in die Unsicherheit, in die Schutzlosigkeit und in eineunberechenbare Zukunft mit dem schlichten Wort: „Zieh weg!“:

Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.(Genesis 12, 1-3)

Abraham war als Nomade unterwegs und Teil einer großen Sippe seines Vaters, seiner Onkel und seiner Brüder. Nun greift Gott einen heraus. Gott erwählt, um seinen Plan, seine Verheißung zu verwirklichen. Und er erwählt genau Abraham und Sarah, die noch keine eigenen Nachkommen haben, die bereits im vorgeschrittenen Alter sehnsüchtig ein Kind wollen, aber es nicht klappen mag. Und genau denen verheißt Gott ein eigenes Volk, so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Abraham undSarah folgen den Ruf Gottes. Sie lassen sich auf Gottes Verheißung ein. Sie lassen los und überlassen sich ihm. Sie machen sich mit ihrem Familienverband auf den Weg. Vertrauen auf Gottes Beistand. Sie verlassen alles Verlässliche und Stabile und wagen den Neuanfang mit der Zusage, gesegnet zu sein und Segen für andere zu sein.

Diese Berufungs- und Sendungsgeschichte Abrahams und Sarahs enthält Grundmotive unseres Leben: Verheißung und Sehnsucht, Sendung und Entscheidung, Segen und Dankbarkeit. Gott erwählt und beruft jeden und jede Einzelne von uns zu einem einzigartigen Lebensweg mit unserem privaten und beruflichen Prägungen. Unsere Einzigartigkeit ist zentrales Merkmal des christlichen Menschenbildes. Und deshalb dürfen wir „ja“ sagen und bereit sein für seinen Ruf. Ich begegne so vielen Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen, die mit voller Leidenschaft und Hingabe ihren Beruf ausüben, die mit ihrem ganzen Leben „ja“ sagen zu diesem Dienst an der Gesellschaft, an unserem Gemeinwohl. Und diese Leidenschaft braucht es für diesen Beruf, sich immer wieder neu einer sich verändernden Welt auszusetzen, sich zu überlassen. „Auf-dem-Weg-Sein“ beschreibt die Grundbefindlichkeit, die den Polizeiberuf prägt. Die Aufforderung „Ziehweg!“ kann zu einer inneren Grundhaltung werden, sich jeden Tag auf Neues einzulassen, auch mit einem gewissen Anteil an Unsicherem und Unberechenbarem, sich den Widrigkeiten, dem Rauen, den Anfeindungen, auch den aktuellen Vorwürfenvon Rassismus und Polizeigewalt zu stellen. Ja, die Straße ist der Ort, an dem Sie bespuckt, getreten, bedroht, beleidigt, missachtet werden. Die Sehnsucht nach organisationsinterner und kollegialer Verlässlichkeit und Stabilität ist aus dieser Sicht mehr als nachvollziehbar. Auch Abraham mit seiner Familie pilgerte viele Jahrzehnte auf dem schmalen Grat von Anerkennung und Ablehnung. Ihn hat sein Gottvertrauen getragen.

In diesem Monat September werden sich viele von Ihnen an das eigene Einstellungsjahr bei der Polizei erinnern. Ein neuer Lebensabschnitt begann. Grundlegende Veränderung. Neubeginn. Weg-Ziehen vom Elternhaus, der gewohnten Umgebung. Es folgte bald dann die Vereidigung, die Sendung. Die Parallele zu Abraham und Sarah ist das Segensbewusstsein (Segen auf Hebräisch bedeutet „mit heilvoller Kraft begabt“): „Ihr werdet Segen sein und von mir gesegnet“.  Wer wagt und vertraut, wird gesegnet sein und selbst zum Segen für andere. Dieses Bewusstsein wünsche ich Ihnen als Mensch und als Polizeibeamte: Wer sich in Gottes Gegenwart und Zuversicht auf den Weg macht, darf sich seines Segens sicher sein und wird dadurch selbst zum Segen. Abraham und Sarah werden zu Urbildern eines in Gott vertrauenden Lebens. Ihr Leben im Glauben an die Verheißung Gottes ist für uns heute noch nach so viel tausenden Jahren vorbildhaft.

Liebe Polizeibeamte und Polizeiangehörige,

Tagtäglich ziehen Sie hinaus auf die Straßen und Plätze unseres Landes und Sie bringen Segen, Segen für uns, für unsere Gesellschaft, für die Bürger. Aus ganzem Herzen danke ich Ihnen dafür. Gott segnet Sie. Wer mehr über Abraham und Sarah nachlesen möchte, dem kann ich folgendes Publikation empfehlen: Hubertus Brantzen: „Mit Abraham und Sara auf den Spuren Gottes. Biblische Exerzitien im Alltag.“

Kevelaer: topos, 2010.

 

Diakon Dr. Hubert Liebhardt

Polizeiseelsorger für die Polizeipräsidien RT, RV, UL, HfPol

Reschweg 12 89081 Ulm

0171-3134686

hubert.liebhardt@polizeiseelsorge.org

Bildnachweis: Eigene Aufnahme mit Egli-Figuren, August 2020

 

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