Impuls Juni 2020
Ein verständiges Herz
und ein weiser Verstand…

Corona-Demo in Stuttgart, Mai 2020, Foto privat

Corona-Demo in Stuttgart, Mai 2020, Foto privat

Liebe Leserinnen und Leser unserer Polizei,

 

stellen Sie sich vor, eine gute Fee tritt jetzt an Ihre Seite und Sie hätten einen Wunsch frei – um was würden Sie bitten?
Was kann man sich wünschen in diesem Jahr 2020, in dem sämtliche Sorgen und Probleme, die wir bisher hatten, in den Schatten eines neuen Virus gestellt werden, dessen Unberechenbarkeit seit nunmehr einem Vierteljahr unser aller Leben nachhaltig umprägt?
Baldmöglichste Rückkehr in die „Normalität“ steht bei vielen ziemlich weit oben auf der Wunschliste. Wir spüren in diesen Monaten wie kostbar und teuer das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit ist, für das unser Grundgesetz steht. Unbesorgt einander begegnen dürfen, sich mit Handschlag und Umarmung begrüßen. Im gutbesuchten Straßencafe noch ein freies Plätzchen ergattern, wo die Bedienung sich durch die Reihen zwängt. Im ausverkauften Konzertsaal oder im Stadion Teil der begeisterten Menge sein. Unsere Kinder und Jugendlichen in den Kitas und Schulen gut aufgehoben zu wissen, uneingeschränkt, während wir wie gewohnt unseren Beruf ausüben… Die Liste der Freiheiten, die bisher so selbstverständlich schienen und es nun nicht mehr sind, ist lang.
Wir wissen, dass solche Einschränkungen auf Dauer nicht möglich sind, ohne dass unsere Wirtschaft dabei in die Knie geht – und damit zugleich unser gesamtes Sozialsystem – mit unüberschaubaren psychosozialen Konsequenzen in unserer Bevölkerung. Die Demos der Unzufriedenen werden lauter. Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit der verhängten Freiheitsbeschränkungen werden geäußert. Nicht nur allein von Spinnern und ewig Unbelehrbaren.
Wer jetzt die politische Entscheidungsverantwortung ausübt, steht enorm unter Druck. Was für ein schmaler Grat zwischen Anwendung des Infektionsschutzgesetzes und Lockerung unserer bürgerlichen Freiheiten! Egal, was jeweils entschieden wird- es sind momentan immer Dilemma-Entscheidungen, die unsere Politiker fällen müssen.
Und als Polizistinnen und Polizisten ist es Ihr Auftrag, dafür zu sorgen, dass ihre Umsetzung auch tatsächlich konsequent geschieht. Wachsam und mit Empathie und Augenmaß. Immer vorbildlich mit Schutzmaske und ggfs. kompletter Infektionsschutzausstattung. Auf Sie wird derzeit genauer geschaut als je zuvor.
An dem, was Sie tun und lassen, hängt einiges. Sie üben einen systemrelevanten Beruf aus. Und nicht immer wird es Ihnen gedankt.
Leider ist keine gute Fee da, die uns hier aller Sorgen entledigen würde.
Trotzdem kann es hilfreich sein, nachzudenken, welcher Wunsch uns weiterbringen würde.
Der König Salomo, so lesen wir in der Bibel, wurde mal von Gott gefragt, was er sich denn wünschen täte. Darauf antwortet der König:
„Du wollest deinem Knecht ein verständiges Herz geben, damit er verstehen kann, was gut und böse ist und dein Volk weise lenken kann!“ ( 1.Könige 3, 5.9)

Die schwierige Zeit, durch die wir gerade gehen müssen, trägt auch die Chance in sich eine Bewährungszeit zu sein. Eine Krisenzeit, auf die wir eines Tages hoffentlich zurückblicken können und sagen: „Wir sind froh und dankbar, dass wir das miteinander haben meistern und bestehen dürfen!“

Ein verständiges Herz und einen weisen Verstand wünsch ich unseren Politikerinnen und Politikern in dieser Zeit. Und Ihnen in unserer Polizei ebenfalls.
Wir alle können das jetzt wirklich brauchen.
Bleiben Sie behütet!


Ihr

Ulrich Enders, Polizeipfarrer
ulrich.enders@polizeiseelsorge-elkwue.de
Passfoto Ulrich Enders Mai 2020

 

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