Monatsimpuls Juni 2019

 

„Jeder ist ersetzbar“?


Ein guter Freund hat mir in der vergangenen Woche diese WA-Nachricht geschickt, ergänzt um einige nachdenkliche persönliche Gedanken.

 

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Ist etwas dran an dieser Botschaft? Bin ich an meinem Arbeitsplatz ersetzbar? Sind Sie an Ihrem Arbeitsplatz ersetzbar?

Eine wertvolle kurze Begegnung im Sozialraum eines Polizeireviers begleitet mich seit einigen Jahren. „Sie als Seelsorger werden öfter den Satz hören, den auch mein Revierleiter regelmäßig zu mir sagt: ‚Ohne dich würde es hier nicht funktionieren. Wir brauchen dich! Du bist hier unersetzbar‘. Ich bin jetzt aber seit 30 Jahren bei der Polizei und hab oft und erst vor kurzem wieder ganz tragisch miterlebt: Absolut jeder ist ersetzbar! Ich mach mir nichts mehr vor: Wenn ich morgen dauerhaft ausfallen würde, innerhalb der nächsten zwei Wochen würde jemand anderes meine Arbeit übernehmen. Und das muss ja tatsächlich auch so sein: Wer 110 wählt, der muss sich ja felsenfest darauf verlassen können, dass wir kommen und helfen. Machen Sie sich nichts vor: Sie an Ihrem und ich an meinem Arbeitsplatz: da sind wir alle ersetzbar! Wo aber bin ich nicht ersetzbar? Wo sind Sie nicht ersetzbar? Bei Ihrer Partnerin! Bei Ihren Kindern! Bei Ihrer Familie! Bei Ihren Freunden! Viele Jahre lang hab ich mich leider, wenn ich im Rückblick ganz ehrlich bin, blenden lassen von der nächsten Beurteilungsrunde. Von der Aussicht auf die nächste Beförderung. Bis zu dem Tag, an dem mich meine Partnerin konfrontiert hat: ‚Ich kann und will so nicht mehr weitermachen. Du bist eigentlich nicht mehr mit mir verheiratet. Sondern mit Deiner Arbeit. Entweder Du reißt das Ruder rum und setzt Deine erste Priorität wieder bei Dir selbst, bei Deiner körperlichen und mentalen Gesundheit, und bei mir und uns, Deiner Familie. Oder ich muss gehen‘. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich damals diesen Schuss vor den Bug gebraucht hab. Ich bin weiterhin sehr gerne und mit Herzblut Polizist. Aber das eine hat sich seither definitiv verändert: In meinem Leben steht die Arbeit nicht mehr an 1.Stelle“.

Wenn Sie auf die zurückliegenden Monate zurückschauen: Wie konnten Sie selbst Ihre Prioritäten setzen? Wieviel Raum und Zeit hat Ihre Arbeit bekommen? Wieviel Raum und Zeit hatten Sie für sich selbst? Wieviel Raum und Zeit für Ihre Partnerin, Ihren Partner? Für Ihre Familie? Für Ihre Freunde (und darin eingeschlossen natürlich die Kolleginnen und Kollegen, die Ihnen auch zu Freunden geworden sind)?

Vor einigen Jahren bin ich dem Rat eines Kollegen gefolgt und habe an sog. kontemplativen Exerzitien in einem klosterähnlichen Haus in Oberfranken teilgenommen. Sie wurden geleitet von einem Jesuitenpater, Prof.Dr.Franz Jalics. Vor dem Hintergrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Seelsorger, geistlicher Berater und Leiter dieses Exerzitienhauses haben wir von ihm damals seinen „Vorschlag für meine persönliche Prioritätenliste“ mitbekommen.

1.Schlaf. Gönne deinem Körper den Schlaf, den er braucht
2.Bewegung. Gib deinem Körper die Bewegung, die er braucht: Spaziergang, Joggen, Walken, Sport.
3.Zeit für dich selbst. Zeit für Stille. Meditation. Gebet.
4.Zeit für Menschen, mit denen du lebst. Deine Familie. Deine Freunde.
5.Arbeit. Arbeit ist wichtig. Aber sie sollte erst an 5.Stelle stehen. Dort nimmt sie immer noch genug Zeit ein. Die anderen Prioritäten dürfen ihretwegen aber nicht vernachlässigt werden.

Genug erholsamen Schlaf. Genug Bewegung. Genug Zeit für Sie selbst. Zeit für Stille. Und genug Zeit für die Menschen, mit denen Sie leben, und bei denen Sie definitiv nie ersetzbar sein werden: Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie diese Prioritäten, die Seele und Körper erfrischen und gesund erhalten, achtsam im Blick behalten können! Und: ganz herzlichen Dank für Ihre Arbeit! Sie schaffen an 365 Tagen und rund um die Uhr die Sicherheit, auf die wir alle existentiell angewiesen sind!



Albrecht Sautter Ev.Pfarramt für Polizei und Notfallseelsorge, Alte Rommelshauser Straße 18, 71332 Waiblingen, albrecht.sautter@polizeiseelsorge-elkwue.de

 

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