März 2019

 

Liebe Leserinnen und Leser!
In den vergangenen und in den kommenden Wochen habe ich einige Praxisreflexionstermine. Dabei erzähle ich zu Beginn immer wieder die folgende Kurzgeschichte.

"Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit vorsprach. Das Gehalt war in Ordnung, die Arbeitsbedingungen verlockend, also wollte der Holzfäller einen guten Eindruck hinterlassen.
Am ersten Tag meldete er sich beim Vorarbeiter, der ihm eine Axt gab und ihm einen bestimmten Bereich im Wald zuwies. Begeistert machte sich der Holzfäller an die Arbeit. An einen einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte der Vorarbeiter. „Weiter so.“
Angestachelt von den Worten des Vorarbeiters, beschloss der Holzfäller, am nächsten Tag das Ergebnis seiner Arbeit noch zu übertreffen. Also legte er sich in dieser Nacht früh ins Bett.
Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald. Trotz aller Anstrengung gelang es ihm aber nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen.
„Ich muss müde sein“, dachte er. Und beschloss, an diesem Tag gleich nach Sonnenuntergang schlafen zu gehen.
Im Morgengrauen erwachte er mit dem Entschluss, heute seine Marke von achtzehn Bäumen zu übertreffen. Er schaffte nicht einmal die Hälfte.
Am nächsten Tag waren es nur sieben Bäume, und am übernächsten fünf, seinen letzten Tag verbrachte er fast vollständig damit, einen zweiten Baum zu fällen.
In Sorge darüber, was wohl der Vorarbeiter dazu sagen würde, trat der Holzfäller vor ihn hin, erzählte, was passiert war, und schwor Stein und Bein, dass er geschuftet hatte bis zum Umfallen.
Der Vorarbeiter fragte ihn: „Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?“
„Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.“
Aus „Komm ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay, Dezember 2008 / Fischer-Taschenbuch


Vielleicht sollten wir uns von Zeit zu Zeit die Fragen stellen:
Wann habe ich mir die Zeit genommen und im übertragenen Sinne meine Axt geschärft?
Wann habe ich mir die Zeit genommen auf mich selbst zu achten?
Bin ich besetzt von den Aufgaben die auf mich warten und entwickle ich einen falschverstandenen Ehrgeiz.
Vielleicht ist der Beginn der österlichen Bußzeit bzw. Fastzeit ein guter Anlass einmal genauer hinzuschauen.

 

Bernhard Metz

Landespolizeidekan - bernhard.metz@polizeiseelsorge.org

 

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