Monatsimpuls September 2017

 

Der Wolf von Gubbio

 

Sehr geehrte, liebe Frauen und Männer, die Sie in der Polizei des Landes Baden-Württemberg Dienst tun,

Frieden stiften...

 

Mir gehen noch die Besinnungstage für Polizeipensionäre/-innen nach, die unter dem Thema „Frieden stiften“ standen. Wie kann es gelingen, Friedensstifter zu sein? Die Geschichte/Legende vom Wolf von Gubbio[1] erzählt eine Begebenheit des Heiligen Franziskus von Assisi (Italien, 1181-1226): Ein gefährlicher Wolf greift regelmäßig die Stadt Gubbio an und hat schon viele Menschen getötet. Franziskus hat trotz Warnungen keine Angst und sagt: „Der Wolf ist mein Bruder. Er wird mir nichts tun.“ Und tatsächlich: Franziskus konnte den wütenden Wolf mit seiner liebenden Aura zähmen, sodass sich der Wolf mit gesenkten Kopf zu seinen Füßen legte und die beiden ins Gespräch kamen: „Bruder Wolf, Du richtest viel Schaden an und die Leute klagen zu Recht über dich. Ich will Frieden zwischen dir und den Leuten schließen“, sagte Franziskus. Der Wolf gab mit Bewegungen des Schwanzes, seiner Ohren, mit Gebärden und Kopfnicken zu verstehen, dass er auf den Vorschlag eingehe wolle. So kam es zu einem Vertrag und ein neues Leben sollte in der Stadt Gubbio beginnen: Nie mehr sollte der Wolf die Menschen bedrohen; dafür verpflichteten sie sich, bis an sein Lebensende für seine tägliche Kost zu sorgen. Und tatsächlich so kam es. Der Wolf lebte noch 2 Jahre, ohne Leid zuzufügen. Die Leute taten ihm nichts und fütterten ihn freundlich.

 

Ich komme wieder zu der Ausgangsfrage zurück. Wie kann es gelingen, Friedensstifter zu sein?

 

  1. Hinweis: Franziskus hat keine Angst. Angst ist ein schlechter Begleiter, wenn es um ein friedliches Miteinander geht. Franziskus lebt Zutrauen. Er wagt das Unwagbare. Er stellt sich mit der guten Absicht dem wütenden Wolf gegenüber mit einer inneren Sicherheit, einem inneren Zutrauen, das keinen Raum für Angst lässt. Es ist die liebende Zuwendung, Auge in Auge, die den Wolf zähmt und ihn friedlich werden lässt, sodass er sich zutraulich macht, sich, wie wir es von Hunden kennen, vor dem Herrchen/Frauchen auf den Rücken liegt und sich kampflos stellt.

 

  1. Hinweis: Er spricht mit einer Haltung der Geschwisterlichkeit. Er redet den Wolf mit „Bruder“ an und geht davon aus, dass er gut ist. Er sät kein Misstrauen. Der wilde Wolf ist Teil der Schöpfung, Teil der Familie, Teil der Welt. Franziskus schließt ihn also nicht aus, sondern vielmehr ein, indem er ihn zum Familienmitglied macht. Alle haben das Recht auf ein würdevolles Leben. Das baut Barrieren ab, lässt die Mauern zwischen Wolf und Leute kleiner werden, ja sogar soweit verschwinden, dass ein Miteinander möglich wird. In dieser Haltung steckt ganz viel Weisheit von Weltoffenheit.

 

  1. Hinweis: Franziskus spricht klar aus, worin das Problem liegt. Er redet nicht um den heißen Brei, sondern ist direkt und deutlich. Dabei findet er einen Konsens, eine konkrete Lösung im Kleinen. Er handelt. Er schaut den anderen an, auf die Bedürfnisse des Wolfes, der zu Essen braucht, der aber auch seine Wut kontrollieren lernen musste, und auf die Bedürfnisse der Leute der Stadt Gubbio, die keine Angstmehr haben wollten. Die Lösung lag darin, den anderen gut zu verstehen, seine Bedürftigkeit wahrhaft zu sehen, zu begreifen, zu erspüren. Aus dem wütenden Wolf wird ein friedliches „Lamm“. Aus den ängstlichen Leuten werden fürsorgliche Geber. Franziskus öffnet den Blick für das große Ganze, die globalen Zusammenhänge.

 

Fazit: Angstfreiheit, Weltoffenheit und Bedürfniswahrnehmung sind Grundlagen für Friedensstifter. Das Säen von Misstrauen, Ängsten, Abschottung, Egoismus im Kontext beispielsweise von Flüchtlingspolitik oder sozialer Gerechtigkeit  - eben im Wahlkampfmonat September - schafft keine friedliche Zukunft. In einer Welt, deren Frieden durch Terror und Krieg überall auf der Erde höchst gefährdet ist, dessen Bedrohung bis auf unsere Straßen reicht, stehen wir vor der Herausforderung, als Einzelpersonen aber auch als Polizei eine innere Haltung des Friedens ganz bewusst einzuüben. Das „Frieden stiften“ in Kleinen, im Alltag kann zur großen Friedenspolitik werden, weil jeder Friedenswerkzeug sein kann. Franziskus von Assisi hinterlässt uns ein wunderbares Gebet[2] (Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens). Es kann uns bestärken, Friedensstifter zu sein.

 

Diakon Dr. Hubert Liebhardt

Polizeiseelsorger für die Polizeipräsidien KN, RT, TUT, UL, HfPol

Ulmergasse 9, 89073 Ulm - 0171-3134686 hubert.liebhardt@polizeiseelsorge.org

 

Bildnachweis: http://www.internetmonk.com/wp-content/uploads/francis-and-wolf.jpg

 Anlage 1: Geschichte - Der Wolf von Gubbio

Anlage 2: Gebet - Herr mach mich zu einem Werkzeug

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Anlage 1: Der Wolf von Gubbio

 

Es wird erzählt, dass vor den Toren der Stadt Gubbio ein reißender Wolf sein Unwesen trieb und die Bürger in Angst und Schrecken versetzte, da er in seiner Gier alles fraß, was ihm in den Weg kam, Mensch und Tier.

 

Als Franziskus von diesem Wolf hörte, machte er sich auf den Weg nach Gubbio.  Denn Franziskus liebte nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere. Er liebte sie so sehr, dass sie einander verstanden und miteinander reden konnten. Mal redete er mit den Fischen im Meer, mal mit den Vögeln auf den Feldern und mal mit den Tieren, die in den Wäldern lebten.

 

Als die Bürger hörten, dass Franziskus dem Wolf entgegentreten wollte, erschraken sie sehr und wollten ihn davon abhalten.

Sie riefen: „Hüte dich Bruder Franz, über das Stadttor hinauszugehen. Das ist der gefährlichste Wolf, den es je gab, er hat schon viele gefressen er wird auch dich jämmerlich töten!"

Doch Franziskus antwortete: „ Ich habe keine Angst. Der Wolf ist mein Bruder. Er wird mir nichts tun."

Im Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus, der über alles wacht, schritt Franziskus, ungeschützt, ohne Schild und Helm, unter dem Schutz des heiligen Kreuzzeichens vor das Stadttor und ging dem Wolf ohne Furcht entgegen.

 

Der Wolf rannt mit offenem Rachen auf  Franziskus zu. Dieser blieb ganz ruhig und machte über den Wolf das Zeichen des Kreuzes und die göttliche Kraft, die von ihm ausging, zähmte den Wolf. Er schloss seinen wilden Rachen und wie der Heilige Franziskus ihm gebot, kam er gesenkten Kopfes heran und legte sich zu seinen Füßen.

 

Wie er so vor ihm dalag, sprach Franziskus zu ihm: „ Bruder Wolf, du richtest viel Schaden in dieser Gegend an und hast schlimme Übeltaten verbrochen, da du Gottes Geschöpfe erbarmungslos umgebracht hast. Alle klagen mit  Recht über dich und sind dir böse, die ganze Gegend ist dir feind. Im Namen Christi befehle ich dir, weder mir noch sonst jemandem Leid anzutun!

Ich will zwischen dir und den Leuten Frieden schließen, Bruder Wolf "

 

Da gab der Wolf mit Bewegungen des Schwanzes und der Ohren, mit Gebärden und Kopfnicken zu verstehen, dass er auf den Vorschlag von Franziskus eingehen will.

 

Zum Zeichen des Friedens schloss Franziskus einen Vertrag zwischen dem Tier und den Bürgern.

Von nun an sollte ein neues Leben beginnen.

Nie mehr sollte der Wolf die Menschen bedrohen; dafür verpflichteten sie sich bis an sein Lebensende für seine tägliche Kost zu sorgen.

 

Franziskus versicherte dem Wolf keinen Hunger mehr leiden zu müssen, dafür sollte der Wolf ihm versprechen nie wieder einem Tier oder einem Menschen ein Leid zuzufügen. Der Wolf gab durch Kopfnicken deutlich zu erkennen, dass er mit dem von Franziskus Auferlegtem einverstanden sei.

 

Daraufhin sprach Franziskus: „Bruder Wolf: du musst mir ein Pfand geben, dass ich mich auf das, was du versprochen hast, verlassen kann."

Und der heilige Franz steckte ihm seine Hand entgegen um, um das Pfand der Treue entgegenzunehmen.

Der Wolf hob die rechte Tatze und legte sie sanft und zutraulich in die Hand des heiligen Franziskus und gab ihm somit das Zeichen seiner Treue.

 

Da versprachen die Versammelten, fortan den Wolf zu ernähren.

 

Der Wolf lebte noch 2 Jahre ohne jemand ein Leid anzutun und auch die Leute taten ihm nichts und fütterten ihn freundlich.

 

Schließlich starb Bruder Wolf an Altersschwäche. Die Bürger waren über seinen Tod sehr traurig. Denn wenn er so friedlich und in sanfter Geduld durch die Stadt ging, erinnerte er sie an die wundersame Tugend und Heiligkeit des seligen Franziskus.

 

 

Anlage 2: Gebet - O Herr mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens

 

O Herr,

mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

daß ich Liebe übe, wo man sich haßt,

daß ich verzeihe, wo man sich beleidigt,

daß ich verbinde, da, wo Streit ist,

daß ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,

daß ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,

daß ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,

daß ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,

daß ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

 

Herr, laß du mich trachten:

nicht, daß ich getröstet werde,

sondern daß ich andere tröste;

nicht, daß ich verstanden werde,

sondern daß ich andere verstehe;

nicht, daß ich geliebt werde

sondern daß ich andere liebe.

Denn wer da hingibt, der empfängt;

wer sich selbst vergißt, der findet;

wer verzeiht, dem wird verziehen;

und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.

 

 

 

[1] Anlage 1 – Der Wolf von Gubbio

[2] Anlage 2 – Gebet: Herr mach mich zum Werkzeug

 

Den Impuls können Sie als PDF-Dokument hier herunterladen!